Wie taktile Exponate zu lebendigen Wissenspeichern werden

Brutal digital - die Pandemie als Digitalisierungsbeschleuniger

Die Digitalisierung lotste die Museen durch die stürmischen Zeiten des Lockdowns.

Dass trotz geschlossener Türen die Exponate online sichtbar waren, kam gut an und der virtuelle Blick in die Depots entschädigte teilweise für das fehlende Erlebnis eines Live-Besuchs. Doch auch wenn Museen wieder öffnen und Menschen in den Genuss kommen, Kunst zu betrachten, Geschichte zu entdecken und den Museumsbesuch partizipativ mitzugestalten – das Angebot für Menschen mit Beeinträchtigung bleibt ausbaufähig.

Als Orte der demokratischen Wissensvermittlung und des gesellschaftlichen Diskurses können Museen einen wichtigen Beitrag zu mehr Empathie und Sichtbarkeit leisten, indem sie das enorme Potential des „Design-For-All“ ausschöpfen und neue Kommunikationswege beschreiten.

Multi-Sense-Exponate für Alle

Hierbei spielen Exponate zum Anfassen eine entscheidende Rolle.

Denn Menschen mit Seh-Beeinträchtigung fehlt es an taktilen Angeboten, obwohl mittels leistungsstarker 3D-Scanner originalgetreue Replikate günstig und hochwertig umsetzbar sind. Selbst reflektierende oder empfindliche Oberflächen können mühelos gescannt und in hochwertigem CORIAN® oder PU-Blockmaterial reproduziert werden.

Durch ergänzendes Audiofeedback wird ein taktiles Exponat zu einem Multi-Sense-Exponat: Denn Menschen lernen leichter durch 2-Sinnes-Erfahrungen. Das Audiofeedback wird über eine Berührung von sensorischen Punkten auf dem Exponat ausgelöst, spielt passgenaue Inhalte ab und ermöglicht so ein eigenständiges Erkunden von Inhalten.

Sensorik ist keine Zauberei

Etwas mit einer Berührung an- oder auszuschalten, begegnet uns im alltäglichen Leben überall: Kaffeemaschine, Lichtschalter und Telefon erleichtern uns das Leben mit Sensorik.

Die Generation Smartphone tippt, wischt und zieht sich über digitale Oberflächen und hat die zugehörigen Mensch-Maschine-Gesten längst verinnerlicht. Doch wie können Gesten bei einem musealen Tast-Exponat Inhalte steuern?
Die Kosten für den technischen Aufwand und die Größe des Exponats beschränkten bislang die Möglichkeiten der Gesten-Erkennung: Ein Sensorpunkt spielte genau eine Information aus. Dead-End?

Taktiles lernen

Eine einfache KI zieht die Daten nicht aus einzelnen Tast-Punkten, sondern aus innenliegenden Sensor-Feldern, die so auch Bewegung messbar machen.

 In beinahe beliebigen Objekten integriert, erkennt die Sensorik verschiedene Gesten – vorausgesetzt man bringt sie ihr bei.
Dazu sind rund 100 Wiederholungen einer einfachen Geste nötig, die im TEACH-Modus mit einer Position auf dem Objekt und der gewünschten Information verknüpft werden. So wie Ihr Smartphone Ihren Fingerabdruck nach mehrmaligem Auflegen aus verschiedenen Positionen erkennt, „weiß“ das Objekt, wo es wie berührt wird.

Mensch, Maschine und Museum lernen voneinander

Über zwei Modi lernen Besucher*innen des Deutschen Museums Nürnberg das Lorm-Alphabet kennen und sehen auf einem Screen, was sie schreiben.

Im Modus ‚Schreiben lernen‘ wird ein Wort mittels Gesten nachgeschrieben, während im Modus ‚Freies Schreiben‘ ausprobiert werden darf.
Hierzu musste jeder der Buchstaben von der Sensorik „erlernt“ werden. Im TEACH-Modus wiederholten werk5-Mitarbeiter*innen die Gesten des Lorm-ABC so lang, bis die Gesten-Bibliothek komplett war. Über das Content-Management-System (CMS) können auch die Museumsmitarbeiter*innen das Exponat im TEACH-Modus trainieren, um die Reaktionsfähigkeit und Präzision der Gestenerkennung weiter zu steigern.

Daten - Das neue Gold

Welcher Modus ist beliebter? Möchten die Menschen angeleitet werden oder selbst schreiben? Sind manche Bereiche besonders interessant oder werden sie vernachlässigt?

Die gewonnenen Daten können anonym gesammelt und über das CMS ausgelesen werden. Die Museumsmitarbeiter*innen können daraufhin die verknüpften Informationen über das CMS selbstständig aktualisieren. Mehr noch, die Gesten-Bibliothek ist unbegrenzt erweiterbar: Denn die Sensorik kann im TEACH-Modus neue Gesten erlernen. So bleibt das Exponat anpassungsfähig und kann auch in anderen Ausstellungen und Kontexten eine Rolle spielen.